Im Dienst der Musik

Hinter dem schönen Namen Ljubka Biagioni zu Guttenberg finden wir eine Orchester-und Chordirigentin, eine deutsche Baronesse, die in Rom geboren ist, und eine wahre Botschafterin der klassischen Musik mit bulgarischem Blut. Frau zu Guttenberg spricht hervorragend Bulgarisch und fühlt sich dem lokalen klassischen Auditorium besonders nahe, doch nicht nur, weil sie eine Absolventin der National Musikakademie „Prof. Pancho Vladigerov“ ist. Seit einigen Monaten bereitet sie zusammen mit Musikern aus der Sofia Filharmonic Orchestra eine unkonventionelle Version des klassischen Stücks „La Traviata“ von Verdi, wessen spektakuläre Vorstellung am 8. März im Saal „Bulgarien“ stattfinden wird. Uns gelang es, in ihr volles Terminkalender mit ein paar kurzen Fragen einzudringen, und die Baronesse hat uns sehr angenehm mit ihrem wunderbaren Bulgarischen überrascht.

„Madam Biagioni, Sie stammen aus einer Familie von Politikern und Ihr Urgroßvater war ein Freiwilliger bei der Landeswehr am Shipka-Gipfel. Wem verdanken Sie Ihr musikalisches Interesse?“
„Vielleicht ist mein Großvater nach väterlicher Linie. Er hat die Oper sehr geliebt und zum Spaß als Tenor gesungen.“

„Sie sind in Rom geboren, aber Sie haben Ihre musikalische Ausbildung an der Akademie in Sofia absolviert. Hat jemand Ihre Entscheidung beeinflusst, hier zu studieren?“
„Ich entschied mich, in Bulgarien zu studieren, weil ich wusste, dass das Niveau sehr hoch ist, besonders was betrifft das Studium für Dirigieren.“

„Ist immer noch die Beziehung zwischen der Aristokratie und der klassischen Musik stark?“
„Die Beziehung zwischen des europäischen Adels und der klassischen Musik ist nicht wie vor 300 Jahren. Aber es gibt immer noch aristokratische Familien, welche viel von Musik verstehen und sie unterstützen, den jungen Musikern helfen und in ihren Palästen Hauskonzerte machen.“.

„Am 8. März stellen Sie eine moderne „La Traviata“ im Saal „Bulgarien“ vor. Was Unterschiedliches werden wir sehen?“
„Die am 8. März präsentierte „La Traviata“ unterscheidet sich erheblich von einer normalen Vorstellung in der Oper. Erstens - alle Solisten, der Chor und das Orchester sind auf der Bühne. Zweitens - es gibt nur ein Konzept: die Musik führt die Aktion! Das Publikum wird in der Lage sein, sich auf die musikalische Wirkung und nicht auf die Kostüme zu konzentrieren, es wird sich auch nicht wundern, um welche Oper es geht. Immer, wenn ich an der Regie arbeite, versuche ich es, die Sache klar für alle, sogar für die Kinder zu machen.“

„Sie sind mit dem Kreis der Fans und Interpretern der klassischen Musik in Italien und Deutschland gut vertraut. Wie können Sie die bulgarische klassische Gemeinschaft mit ihnen vergleichen?“
„Die klassische Musik erfordert viel Arbeit. Die Musiker weltweit müssen für ihre Existenz kämpfen, weil diese Musik nicht über zu viele Fans verfügt. Aber ich finde es besonders traulich, dass in Europa die bulgarischen Musik und Geist nur wenig bekannt sind. Das versuche ich zu ändern – ich bemühe mich, Teilnahmen in Deutschland für junge Sänger, für den Chor und das Orchester der Sofia Filharmonic Orchestra zu organisieren. Damit die Deutschen die Chance haben, die Qualität der bulgarischen Künstler zu sehen!“

„Arbeiten Sie leicht mit bulgarischen Musikern? Gibt es etwas, was Sie von ihnen lernen und umgekehrt - was sie von Ihnen lernen?“
„Oh ja, ich arbeite sehr gern mit bulgarischen Musikern. Weil sie sich ganz - mit Intelligenz und Gefühl - der Musik widmen. Und das ist nirgendwo anders zu treffen!“

„Muss eine hohe Kunst, in diesem Fall - die Oper, zu den Menschen näher kommen oder muss sie für gewählte Kreise bestimmt werden?“
„Diese Kunst muss fürs breite Publikum offen bleiben. Weil die jungen Leute in der klassischen Musik Antworten auf viele Fragen über Leben, Tod und Liebe finden können, die in den Eintagsfliegenhits nicht vorhanden sind. Unsere Kunst kann die Seele erheben. Deshalb nämlich gibt es weltweit viele Projekte für die Umerziehung durch klassische Musik von armen Kindern oder Jugendlichen, die Probleme mit Alkohol oder Drogen haben. Ein Instrument zu spielen oder im Orchester spielen gibt die Hoffnung auf ein normales Leben. Dies ist auch meine Mission – den Menschen zu helfen, an etwas zu glauben. Besonders hier, wo die Musiker so viel kämpfen müssen, nur um ihre Familien zu ernähren …“

„Mit Ihrem innovativen Herangehen nehmen Sie sich selbst als eine Dirigentin mit Mission wahr, als jemand, der das Konventionelle verändert, oder halten Sie lieber an der Tradition fest, indem Sie nur einen persönlichen Stil zufügen?“
„Ich will nichts ändern. Ich diene nur der Musik. Bescheiden.“

Sie sind in Rom geboren, aber jetzt leben mit ihrem Mann und ihren Kindern in Deutschland. Welches Land nennen Sie Ihr „Zuhause“?
„Mein Zuhause ist da, wo meine Familie ist. Meine Kinder verstehen sowohl Bulgarisch, als auch Italienisch, sie mögen die italienische Oper, das bulgarische Meer und die Kukeri.“