Herrenchiemsee Festspiele, Bayern, 14 - 26 Juli 2009
Übersetzung eines Artikels aus der "Opera Now"
erschienen in der Ausgabe Januar-Februar 2010
von Amanda Holloway
Bregenz, Savonlinna - beides ehrwürdige Festivals, die ihren Charme der idyllischen Lage ihrer Spielstätten an einem See verdanken. Nun kommt noch Herrenchiemsee dazu, eine bewaldete Insel auf dem wunderschönen Chiemsee, 80 km östlich von München.
Das Herrenchiemsee-Erlebnis beginnt am Anlegesteg in Prien, von wo aus wir mit dem Raddampfer die 15-minütige Überfahrt zur Herreninsel antreten. Dort angekommen steigen wir vom Schiff in die Pferdekutsche um und begeben uns auf eine romantische Fahrt durch die Wälder. Urplötzlich taucht Schloss-Herrenchiemsee vor uns auf, eine außergewöhnliche Kopie von Schloss-Versailles, erbaut im 19. Jahrhundert von König Ludwig II. als Huldigung an sein Vorbild, den französischen König Ludwig XIV.
Im Zentrum der jährlichen Herrenchiemsee-Festspiele, die in diesem Märchenschloss inszeniert werden, steht eine Opernproduktion. Da aber die meisten Aufführungen Chor- und Orchesterkonzerte sind, wäre der Begriff Opernfestspiele nicht ganz zutreffend. Dabei würde Festspiel-Begründer Enoch zu Guttenberg liebend gerne mehr Oper ins Programm aufnehmen, wenn er das entsprechende Budget zur Verfügung hätte. Der Komponist und Dirigent des Orchesters der KlangVerwaltung Guttenberg ist ein bayrischer Adeliger und, ganz neben bei bemerkt, Vater des deutschen Verteidigungsministers. Guttenbergs musikalische Erfolge erregten die Aufmerksamkeit des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann und führten zu einem beachtlichen Sponsoring für die Herrenchiemsee Festspiele. Guttenberg war von bayrischen Politikern aufgefordert worden, Festspiele im Schloss zu organisieren, hatte aber Zweifel, wie sich die Sache finanziell tragen sollte angesichts eines Konzertsaals, der lediglich Platz für 600 Zuhörer bietet. Er erinnert sich: "Wir hatten das große Glück, dass Josef Ackermann im Herzen ein Musiker ist, und nun finanziert die Deutsche Bank das gesamte Festival. 1,4 Millionen Euro jährlich. Und wir brauchen das!"
Das Sponsoring ist gewährleistet für die nächsten vier Jahre, dann wird sich Ackermann zurückziehen. Im derzeitigen wirtschaftlichen Klima wird es eine Herausforderung sein, Ersatz zu finden, aber Guttenberg ist fest entschlossen: "Die Preise für die Eintrittskarten werden nicht steigen. Wir möchten nicht nur reiche Leute ansprechen, wir möchten, dass alle kommen". Mit München und Salzburg so nahe ist es gewiss schwer, die Menschen für so einen relativ kleinen Aufführungsort zu interessieren, aber Guttenberg erläutert, die Festspiele verfolgen einen anderen Ansatz. "Wir arbeiten jedes Jahr mit einem Thema, einem Konzept, das die Leute zum Nachdenken bringt über Politik und Gesellschaft."
Bei den letzten drei Festivals waren die halbszenischen Produktionen von La traviata, Nabucco und Cavalleria rusticana zu sehen, geleitet von der italienischen Dirigentin Ljubka Biagioni zu Guttenberg. Sie ist die Ehefrau des Intendanten, aber sie ist auch eine eigenständige internationale Dirigentin. Und, was entscheidend ist, sie hat eine Vision davon, wie Oper in dieser außergewöhnlichen Umgebung funktionieren kann. Ein 98 Meter langer Spiegelsaal erinnert beispielsweise nicht unmittelbar an die von Armut geprägte sizilianische Landschaft der Cavalleria Rusticana. Aber diese halbszenische Aufführung hat dramaturgisch und musikalisch funktioniert. Von der Bühne aus verbreitete sich über das wuchtige Blattgold und die glitzernden Kronleuchter echte menschliche Emotion, die das Publikum von den ersten Takten der Ouvertüre an in die sich entfaltende Tragödie mitriss. Mit ein paar Requisiten aus ihrem eigenen Garten - einem Stuhl, einer leuchtend lackierten Pferdekutsche - und für die gemeine Dorfbevölkerung typischen Gewändern schuf Guttenberg eine durch und durch glaubwürdige Welt für ihre lebhaften Charaktere.
Das Orchester, die Sinfonia Varsovia, saß in der Mitte einer abgestuften Bühne, die szenischen Darstellungen wirbelten außen um das Orchester herum. Das Vibrato wurde auf ein Minimum reduziert, so dass die Farben und dynamischen Gegensätze dieses aufmerksamen Ensembles zu einem spannenden Hörerlebnis wurden (in der Vergangenheit arbeitete das Orchester unter anderem mit Yehudi Menuhin und Nigel Kennedy), und das trotz der sehr begrenzten Zeit für Proben.
Obwohl sich die Handlung überwiegend auf der Hauptbühne abspielte, wurden die Antichambres für dramatische Auf- und Abtritte genutzt. Die wunderschöne erste Arie Turiddus drang schon vor seinem Auftritt durch die verspiegelten Türen - und was für ein berückender Gänsehaut-Klang es war! Ich hörte den Letten Aleksandrs Antonenko zum ersten Mal, und sein satter, dunkler Tenor, sein hübsches Gesicht und seine stämmige Statur passten hervorragend zur Rolle des Turiddu. Seine Santuzza (Dimitra Theodossiou) war durch und durch die betrogene Frau. Ihr kräftiger Sopran sprühte vor Emotion.
Ein Großteil der emotionalen Authentizität der Aufführung kam von Guttenberg selbst, elegant gekleidet in einem schwarzen Seidenmantel, die Haare hochgesteckt, hatte sie das Orchester und die sie umwirbelnden Sänger voll im Griff. Die stehenden Ovationen dauerten Stunden, und sie hatte sie verdient.
Die Festspiele 2010 finden vom 13. bis zum 25. Juli statt, mit Chor- und Orchestermusik von Bach bis Penderecki auf dem Programm. Enoch zu Guttenberg selbst wird Bruckner dirigieren und für Opernliebhaber gibt es eine halb-szenische Zauberflöte und einen spektakulären Rigoletto. Die politische und soziale Botschaft dahinter zu finden, sollte nicht schwer fallen!
Details zum Programm und zur Anreise zu den Herrenchiemsee Festspielen 2010 finden Sie unter www.herrenchiemsee-festspiele.de.
« zurück